iNaturalist im Alltag und in der Wissenschaft - Im Gespräch mit Stefan Brändel
Über Stefan Brändel:
Stefan Brändel ist seit September 2018 wissenschaftlich-pädagogischer Mitarbeiter am botanischen Garten Ulm und ist dort unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Neben der Erstellung des Jahresprogramms, Führungen im botanischen Garten für alle Altersklassen und der Lehre von Biologiestudierenden, ist Stefan Brändel für das Grüne Klassenzimmer zuständig [1]. Im Rahmen der Umweltpädagogik können hier Kindergartengruppen ab 5 Jahren, Einrichtungen der Kinder- und Jugendbildung und Schulklassen jeder Stufe und Form naturnah Themen der Biologie, wie Botanik, Ökologie und Zoologie kennenlernen [2].
Das Gespräch mit Stefan Brändel
Wie und wann hast du das erste Mal iNaturalist verwendet bzw. wie bist du auf iNaturalist gestoßen?
Das ist eine total lustige Geschichte. Und zwar bin ich eigentlich zweimal darauf gestoßen. Beide Mal hat es mich am Anfang nicht begeistert. Ich habe sogar beim ersten Mal gedacht: "Nö, das setzt sich nicht durch." Das war schon etwa 2013/2014. Als ich in Panama war, haben schon die ersten Leute angefangen, mit iNaturalist zu arbeiten. Am Anfang war das eher so eine Plattform für den Computer. Damals war es ein Bilder-Roulett und die Apps waren wahrscheinlich nicht so gut. Dort in Panama habe ich iNaturalist am Computer einmal gesehen und dachte mir so: "Ne, das setzt sich nicht durch." Dann hatte ich eine ganz ähnliche Geschichte 2016. Da kam ich das erste Mal mit der App in Kontakt und das weiß ich noch ganz genau. Damals zeigte mir ein Student in Bayreuth eine App, mit der man Tiere bestimmen kann. Ich habe es mir dann auch runtergeladen und habe eine Beobachtung hochgeladen, eine Feuerwanze. Auch da habe ich mir gedacht: "Ne, das setzt sich nicht durch. Das kann ich mir nicht vorstellen" Dann, ich glaube, so 2018/2019, habe ich selber mit iNaturalist angefangen. Ich habe lange Zeit Flora Incognita benutzt und irgendwie ist mir aufgefallen, dass die Übersicht in iNaturalist besser ist. Also habe ich alle Flora Incognita-Daten als erstes auf iNaturalist übertragen. Das war so mein Start. Von da ab ist iNaturalist für mich viral gegangen.
Flora Incognita [3] ist eine Pflanzen-Bestimmungsapp, die im Rahmen eines gemeinsamen citizen science Forschungsprojekts der TU Ilmenau und des Max-Planck-Institut für Biogeochemie entstanden ist [4]. Im Gegensatz zu iNaturalist wird bei der Aufnahme der Beobachtung ein Schema von Merkmalen angewandt. So beginnt die Aufnahme einer krautigen Pflanze mit der Blütenoberseite, der Blattoberseite und zum Schluss mit der gesamten Pflanze.
Wenn ich draußen unterwegs bin und mache dort Aufnahmen für iNaturalist. Worauf muss ich achten, damit die Daten, die ich sammle, tatsächlich auch von den Wissenschaftlern verwendet werden können?
iNaturalist besitzt, im Gegensatz zu anderen Plattformen, einen Forschungsqualitäts-Filter. Den bekommen Beobachtungen immer dann, wenn diese sehr gut verifizierbar sind, das heißt optimalerweise ist der Ort sehr gut mit genauem GPS-Standort eingestellt . Genauso wie die ganzen Grunddaten, zum Beispiel das Datum, stimmen. Durch die Qualität der Fotos kann man letztendlich die Art bestimmen oder zumindest eine gute Bestimmung auf Gattungsniveau hinbekommen. Die KI kommt irgendwann an ihre Grenzen, aber je besser und mehr Bilder ich mache, desto eher kann die Beobachtung auf ein höheres Niveau gehoben werden durch die Bestimmenden dank Schwarmintelligenz . Und dann ist es so, je mehr du z.B. von einer Pflanze, also mehrere Teile, oder beispielsweise bei Insekten Details von Flügel fotografierst, um so eher kommst du auf ein Artniveau.
Das heißt, wenn ich eine Pflanze vor mir haben, dann reicht es nicht aus, ein Bild von der gesamten Pflanze zu machen, sondern von der Blüte, vom Stamm, von den Blättern...
Da würde ich fast behaupten, iNaturalist könnte es da besser machen. Wenn sie es ähnlich wie Flora Incognita macht: "Fotografiere erst die Blüte", "fotografiere jetzt das Blatt" oder "fotografiere jetzt die Übersicht der Pflanze". Ich mache das sehr häufig, vor allem bei neuen Beobachtungen. Nur bei Standardarten, bei denen ich weiß, dass die App diese verlässlich erkennt, mache ich einfach ein Foto von oben oder wenn ein Buschwindröschen das erste Mal im Jahr blüht, fotografiere ich das zwar immer, aber mache nur ein Foto. Aber bei neuen Arten, die ich entdecke, mach ich das nach dem Muster von Flora Incognita. Bei Insekten habe ich einen Unterschied durch mein neues Handy gemerkt. Das macht viel bessere Fotografien im Makro-Bereich. Dann versuche ich schon ein Top-Bild zu machen, damit man z.B. bei den Flügeln einzelne Adern erkennen kann.
Stefan Brändel im Gespräch mit Lenard von Wagner
Welche Projekte mit iNaturalist hast du schon realisiert oder gerade in Planung?
Ein Projekt, das wir dauerhaft im Grünen Klassenzimmer machen ist, das wir mit Schulklassen einen Mini-Bioblitz machen. Schulen, die an dem Tag da sind, lassen wir für 20 Minuten lang ein oder zwei Ökosysteme anschauen. Wir lassen die Schulen dann immer gegeneinander spielen, A gegen B. Das heißt auch Schüler, die weniger Spaß an Organismen haben, haben durch die Gamification Spaß daran, dass ihre Gruppe mehr Beobachtungen hat. Dann habe ich durch Lernerfolge mit iNaturalist immer wieder größere Bioblitze veranstaltet. Wir haben eine definierten Zeit an einem definierten Ort genommen und gesagt, wir sammeln jetzt mal alle Aufnahmen/Beobachtungen, die wir finden können. Diese Vorgehensweise hatte ich selbst in der Pandemie 2020 als ein Langzeitprojekt gestartet. Das ist damit mein längstes Projekt, was sogar immer noch läuft. Bei dem Projekt werden einfach alle Beobachtungen aus dem botanischen Garten in Ulm, die von Leuten erstellt werden, in dieses Projekt aufgenommen. Bei iNaturalist ist es möglich beim Anlegen von Projekten, diese aktiv oder passiv zu gestalten. Du kannst sie aktiv bewerben, sozusagen "hier findet gerade ein Event statt" oder du setzt es einfach an und Besuchende liefern Daten, weil die einfach da im botanischen Garten sind. Mein erstes Langzeitprojekt war ein passives Projekt. Letztes Jahr, 2025, war dann der bundesweite BioBlitz von den botanischen Gärten. Leute wie ich oder auch aus anderen Gärten wie Erlangen oder Frankfurt am Main wussten schon, wie ein BioBlitz funktioniert. Deswegen haben wir gesagt, das funktioniert auch bundesweit, und haben dann die Aktionswoche gestartet. In der Aktionswoche allein wurden etwa 52.000 Beobachtungen und 4.725 Arten in allen Gärten, die mitgemacht haben, erfasst. Und da habe ich als Verantwortlicher für den Garten von Ulm, einen großen Beitrag gehabt.
Der "Artenvielfalt in Botanischen Gärten"-BioBlitz hatte vom 14. - 22.06.2025 stattgefunden. Das Projekt entstammt dem Verband Botanischer Gärten und fand in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeitgleich statt. Dabei wurden Besuchende der Botanischen Gärten dazu aufgerufen, wild lebende Arten innerhalb der Gärten mittels iNaturalist aufzunehmen. Insgesamt wurden 51.991 Beobachtungen mit 4,728 Arten durch 880 Beobachtende gemacht. Mit 36 Beobachtende konnte Ulm sowohl bei den Beobachtungen (3.366) als auch bei den Arten (992) den vierten Platz erlangen [5].
Was passiert mit den gesammelten Daten bzw. wie kann man als Wissenschaftler auf die Daten zugreifen?
Also generell sind die Daten frei und offen, das bedeutet anders als bei den Bildern, wo Leute auch die Bildrechte einstellen können, ist es bei den Datenpunkten so, die kann jeder nutzen. Alle iNaturalist-Datensätze, die man sich anschaut, kann man sich als Excel-Datei herunterladen und dabei nach einem speziellen Taxon und einem bestimmten Ort und Zeit filtern. Das bedeutet jede/r von uns kann eigentlich, wenn sie/er Lust hat, sich iNaturalist-Datensätze herunterladen und dann in R spielen und sich diese, abhängig von der Fragestellung, z.B. invasive Arten, Einwanderungen oder Abundanzgeschichten, anschauen. Wir haben jetzt als Beispiel die Daten vom BioBlitz 2025 für eine Ausstellung genutzt. Darüber werden mit Sicherheit auch noch Paper geschrieben werden, in dem es um die Biodiversität in den Botanischen Gärten geht.
R ist eine kostenlose Software für Statistik und Graphenerstellung und ist ein GNU Project [6]. Es verfügt über eine große Anzahl an statistischen Tests ((nicht-)lineare Modelle, klassische statistische Test (t-Test), ...) und kann mit vielen Erweiterungen an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden [7]. Innerhalb der Wissenschaft ist R ein sehr weit verbreitetes Programm.
Das ist jetzt eine Möglichkeit, wie man die Datensätze nutzt. Eine andere ist folgendermaßen: Ich habe mal ein Foto von einer "random" Pflanze in Afrika hochgeladen, die dann von aktiven Nutzen als neues Seidelbastgewächs für Südafrika bestätigt wurde. Für mich war das einfach eine Urlaubsbeobachtung. Die Beobachtung war sogar schlecht, weil ich von diesem Strauch nur die Blüten und nicht einmal die Blätter fotografiert habe. Aber die lokalen Leute, die sich dort für die Biodiversität der Pflanzen interessieren, haben dann erkannt, das ist das erste gelbblühende Seidelbastgewächs Südafrikas. Also hat man manchmal nur durch Zufall eine neue Beobachtung für einen bestimmtes Land. Wenn man mal bei GoogleScholar sucht, findet man x Publikationen, die mit iNaturalist-Daten arbeiten. Das ist rasant angestiegen. Ich weiß die Anzahl nicht, aber ich würde auf tausende von Publikationen pro Jahr mit unterschiedlichen Fragestellungen tippen.
Stefan Brändel (links) mit Lenard von Wagner (rechts) im Apotheker Garten des botanischen Garten in Ulm
Als letzte Frage: Ist iNaturalist nur für Wissenschaftler interessant oder kann man es auch für private Zwecke nutzen, z.B. als digitales Herbarium?
Ich glaube sogar, die Frage ist umgekehrt. Ich würde behaupten, dass diese Plattform, vor allem auch so wie sie aufgemacht ist, erstmal hauptsächlich für jeden Nutzenden, egal ob man sich schon auskennt oder auch nicht, also auch für Laien, attraktiv gestaltet ist. Weil sie erst einmal ein Zugangstool bietet zur Bestimmung von Arten. Und das ist eine Möglichkeit, wie viele es auch am Handy nutzen. Die meisten nutzen es so: Sie sehen etwas und wollen wissen, was das ist. Machen ein Foto und kriegen eine Antwort von der künstlichen Intelligenz und werden dann von der Schwarmintelligenz bestätigt. Man kann aber auch, wenn man sich am Computer einloggt, iNaturalist nutzen und sich selbst eine Art Sammelalbum machen. Jetzt ist ja wieder Fußball WM, da sammelten früher Leute Panini-Hefte. Da habe ich früher auch immer versucht, von allen Mannschaften die ganzen Seiten voll zu haben und genau so kann sich jede/r einen Überblick in iNaturalist machen. Habe ich schon alle Asteraceae oder habe ich schon alle Vögel Deutschlands. Man erstellt sich so ein privates Herbar, Vogel-oder Tiersammlung. Da das nicht nur in Deutschland gilt, sondern weltweit, kann man sich bei deiner Reiseplanung anschauen, wo gibt es bestimmte Arten. Ich war einmal in Chile vor zwei Jahren und da haben wir es wirklich so gemacht, dass in den fünfeinhalb Wochen, die ich unterwegs war, wir zu den Orten gefahren sind, wo ich wusste, dort sind die Chance die maximale Anzahl an Kakteenarten zu sehen am größten. So habe ich vor der Reiseplanung iNaturalist genutzt und das kann jede/r machen, egal für welche Taxanomie man sich interessiert. Dann ist auch der Wochenendbesuch oder eben die Reise optimiert.
[1] https://www.freefm.de/artikel/der-botanische-garten-der-universit%C3%A4t-ulm
[2] https://www.uni-ulm.de/einrichtungen/garten/gruenes-klassenzimmer-1/gruenes-klassenzimmer/
[3] https://floraincognita.de/die-flora-incognita-app/
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Flora_Incognita
[5] https://www.inaturalist.org/projects/bioblitz-botanische-garten-2025 [6] https://www.gnu.org/ [7] https://www.r-project.org/about.html